Fotostory: Das große Krabbeln - Faszination Ameise
Kein Streichelzoo: Ameisenfans treibt vor allem ein naturwissenschaftliches, zoologisches Interesse an.
Die Zimmerpflanze sieht von Weitem aus wie jeder andere Gummibaum. Mannsgroß, mit dicken hellgrünen Blättern, die Ähnlichkeit mit Kastanien- blättern haben. Erste Auffälligkeit: Der silberne Übertopf der Glückskastanie steht in einem überproportional großem Plastikbottich. Und dann sieht man sie: Am Stamm der Pflanze, auf allen Blättern krabbeln sie. Hellbraune, zirka ein Zentimeter große Ameisen. „Nein, die verlassen den Baum nicht“, versichert Stefan Kuske aus Wuppertal. Er ist der glückliche Besitzer der Glückskastanie samt ihrer Bewohner und verweist sofort auf die hellweiße Schicht am oberen Rande des großen Bottichs. „Die können da nicht rüber, hier rutschen sie ab, das ist eine Teflonbeschichtung“, beruhigt der Software-Entwickler die fragende Reporterin. Die Ameisen auf seiner Glückskastanie sind Weberameisen aus der Gattung der Oecophylla, hier handelt es sich um die Art Oecophylla smaragdina aus Indonesien.„Ich habe schon als Kind fasziniert vor Ameisenhaufen gesessen“, erzählt Stefan Kuske. Vor zwei ein halb Jahren ist er durch einen Radiobericht auf den Ameisenladen „Antstore“ in Berlin gekommen und hat sich die erste Kolonie schwarzer Wegameisen gekauft. „Eine typische Anfängerart“, bemerkt er, „denn mit Ameisen kann man viel falsch machen.“
Der Name ist Programm
Mittlerweile teilt Stefan Kuske seine Wohnung mit sechs Arten exotischer Ameisen. Natürlich leben alle in ausbruchsicheren Formicarien, sozusagen in Terrarien für Ameisen. Seine Kolonie der Oecophylla smaragdina hat er erst im November erworben. „Die kam hier in einem indonesischen Bambuskorb mit Fliegenstoff an. Im Korb war ein Blätternest mit Königin und Arbeiterinnen“, erinnert sich der Ameisen-Fan. Mittlerweile haben die sich aus den Blättern der Glückskastanie ein neues Nest gebaut. Denn ihr Name ist Programm. Einzelne Tiere halten die Blätter mit ihren Vorder- und Hinterbeinen zusammen als seien sie Sicherheitsnadeln bis andere Arbeiterinnen die Larven herangebracht haben, die mit ihrem Spinnfaden die Blätter miteinander verweben. „Im Nest wohnt die Königin und dort sind die Larven“ erklärt er. Stefan Kuske ist mittlerweile ein Ameisen-Experte, ein Myrmecologe, wie es im Fachjargon heißt. Aus englischsprachigen Fachbüchern hat er sich das Fachwissen eines Naturwissenschaftlers angelesen. „Ameisen sind einfach
faszinierend“, schwärmt er, „wie sie chemische Wegmarken setzen, miteinander kommunizieren, ich bin überzeugt, dass es intelligente Tiere sind.“ Jede Kolonie hat eine Königin. Es sei denn, es handelt sich um polygyne Arten, die mehrere Königinnen haben. Die ist meist zwei bis drei Mal so groß wie die Arbeiterinnen und bis 20 Mal so dick. Dann klopft der junge Mann auf das Nest in seiner Glückskastanie, Sofort kommen die Oecophylli wütend heraus. „Diese Ameisen können recht gut sehen“, erklärt Stefan Kuske. „Ja, beißen tun die auch, aber den Biss merkt man nicht, wirklich nicht“, sagt er beruhigend. Die australische Bulldoggenameise
Die größte Ameise, die Stefan Kuske zur Zeit in seinem Besitz hat, ist die australische Bulldoggenameise Myrmecia pavida. Sie ist fast drei Zentimeter groß. „Der Reiz der Exoten liegt schon in ihrer Größe“ gibt er zu. Diese Art lebt in Australien und ist, entwicklungsgeschichtlich gesehen, sehr, sehr alt, was man daran festmachen kann, dass sie nicht nur beißt, sondern auch sticht. Arten, die in der Evolution später erst entstanden sind, können nicht mehr stechen. In einem sehr dekorativ aussehenden Kasten auf einem schicken Buchenregal steht das Formicarium, in dem seine Myrmecia nigrocincta leben. Auch sie kommen vom fünften Kontinent. „Deren Stich ist schon sehr viel schlimmer, da schwillt der Finger immer ordentlich an“, erzählt Stefan Kuske. Um den Ameisen ein ‚Unter-Tage-Gefühl’ zu vermitteln, steht normalerweise eine schwarze Abdeckplatte vor dem Formicarium. Nimmt man sie ab, öffnet sich eine fremde Welt. In Gasbeton hat der stolze Ameisenbesitzer Höhlen und Gänge ausgemeißelt. In einer Ecke liegen in einer Höhle die Ameiseneier, in anderen Höhlen verschieden große Ameisenlarven und links in der Ecke, wo eine Folienheizung für Wärme sorgt, haben die Ameisen ihre Puppen abgelegt. „Ständig sind fleißige Arbeiterinnen dabei, Puppen hin und her zu tragen. Je nach Entwicklungsphase brauchen sie ans
cheinend eine bestimmte Temperatur. Ameisen können bis zu einem viertel Grad Unterschied in der Temperatur wahrnehmen.“ – Wer sich für Ameisen interessiert, hat in Stefan Kuske einen fantastischen Referenten gefunden. „Das sind mittlerweile 500 bis 600 Tiere“, darauf ist Stefan Kuske sichtlich stolz. Das Wachsen der Kolonie zeigt ihm, dass er ihnen die richtigen Lebensumstände bietet. Dass er zum Beispiel den Sand im Futterformicarium, das die Insekten durch ein Glasrohr erreichen, immer feucht genug hält. „Die bekommen Zuckerwasser oder Honigwasser“, berichtet er. Ihr Larven allerdings versorgen die Ameisen mit Eiweiß. Deshalb müssen die Kolonien auch mit Heimchen gefüttert werden. Die Angst vor Milben
„Die Afrikaner sind mir leider eingegangen“, betrübt weist Stefan Kuske auf ein großes Formicarium an der Wand, das unbewohnt ist. Seine Ameisenkolonien sind ständig bedroht. Aus dem Nichts können Milben auftauchen, wenn der Sand im Formicarium zum Beispiel zu feucht ist. „Ich habe versucht jede Milbe einzeln unter dem Mikroskop abzukratzen“,
berichtet der Software-Entwickler von seinem letzten Milbenfall. Mit der Federstahlpinzette hat er die kostbaren Tiere gehalten, um sie nicht zwischen seinen Fingern zu zerquetschen. Natürlich hängt er an jeder Kolonie. Und die Ameisen sind auch einiges wert. Für eine seiner Königinnen hat er 400 Euro bezahlt. „Interessanterweise werden Königinnen nur einmal im Leben begattet und heben das Sperma auf. Ein Leben lang können sie dann Eier legen“, führt der Ameisen-Experte aus. Sozusagen einmal Sex für Tausende von Nachkommen. Wer jetzt denkt, Ameisenzucht sei ein lohnendes Geschäft, irrt. In Gefangenschaft pflanzen sich die Insekten nicht fort. „Dafür bräuchte man zwei Kolonien einer Art und fliegende Jungköniginnen, die von einem Männchen der Nachbarkolonie begattet werden“, erklärt Kuske.Man stelle sich vor: Fliegende Jungköniginnen im Wohnzimmer, das ist selbst Stefan Kuske zu viel. Ansonsten reagiert sein Umfeld gelassen auf seine Ameisen-Manie. Seine Freundin hat nichts dagegen und seine Mutter versorgt die Tiere, wenn er im Urlaub ist. Dennoch wird Stefan Kuske demnächst Ameisenarten abgeben. „Ich habe einfach nicht genug Platz“, seufzt er.
Text und Fotos: © Uta Over - lieblingtier.tv / Red.
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