Fotostory: Die Falknerei
Ein Schnupperkurs beim Falkner auf Burg Sayn
Wenn der graue Luggerfalke Giacomo in der Vorführung hochgeworfene Futterbröckchen im schnellen Flug dicht über den Köpfen der Besucher fängt, ducken sich die Zuschauer instinktiv. Aber Giacomo interessiert sich gar nicht für sie, sondern nur für die „Beute“, die sein Falkner ihm zuwirft, und die er mit seinen scharfen Augen in Sekundenschnelle erspäht und zielsicher mit den Krallen ergreift.Er und das Lannerfalkenweibchen Kenia („die netteste auf dem Hof“, wie der Falkner sagt) begeistern die Zuschauer durch diese schier akrobatischen Einlagen, die in der Natur lebenswichtig für sie wären.
Der schwarze Falke Gore hingegen ist der absolute Profi mit dem Federspiel, jenem an langer Leine kunstvoll geschwungenen Lockgerät, das die Vögel immer wieder „vom Himmel holt“.
Instinktiv reagieren sie auf die an langer Leine befestigten Federn, die ihnen Beute simulieren und versuchen sie aus jeder Situation heraus zu ergreifen. Natürlich wird ihnen der Erfolg jedes Mal gegönnt – sonst wäre der Anreiz ja fort. Und nach dem „Schlagen“ der Beute gibt es sofort als Belohnung die volle Tagesration, denn das Federspiel simuliert ja ein komplettes Jagdgeschehen und ist daher sehr anstrengend.
Der Schnupperkurs
Solch eine Vorführung erweckt in manchem Zuschauer den Wunsch, auch einmal einen dieser wunder- schönen Vögel auf die behand- schuhte Faust zu nehmen oder sich näher mit der Falknerei zu befassen. Dem kann geholfen werden, denn mehrmals im Jahr macht der Falkner der Burg Manfred Bröhldick Schnupperkurse für Ambitionierte. Zwei Tage dauern die Kurse, die den Teilnehmern einen Einblick in die Falknerei und im engen Umgang mit den Greifvögeln beeindruckende Erlebnisse bieten, aber auch einige Illusionen nehmen.
Am Anfang steht die Theorie
Die ersten Stunden sind Theorie. Aber keine trockene Theorie in einem kahlen Unterrichtsraum, sondern in einem der gemütlichen Zimmer der Burg am prasselnden Kamin.
Manfred Bröhldick kann spannend von seinen Vögeln erzählen, aber er gibt sich nicht mit Erlebnissen zufrieden, sondern vermittelt Sachwissen.
Als erstes fegt er die Vermenschlichung der Vögel vom Tisch. „Ein Falkner und sein Vogel sind keine Freunde“, sagt er deutlich. Fakt ist, dass der Falkner die Beute präsentiert, der Greifvogel sie ihm aber quasi als Futterkonkurrenten abnimmt.
Das Präsentieren der Beute geschieht bei den Vorführungen durch hochgeworfene Futterbröckchen oder das Federspiel als Beuteersatz. Bei der echten Jagd stöbert der Hund auf Befehl des Falkners gezielt kleine Wildtiere auf, die bewusst im Sichtbereich des hoch oben kreisenden Greifvogels sind, der sie dann erbeuten kann. Sowie der Vogel die Beute geschlagen hat, muss der Falkner gut zu Fuß und schnell bei dem Vogel sein. Um die Beute von ihm zu bekommen, macht der Falkner ein Tauschgeschäft mit ihm: Der Greifvogel erhält ersatzweise etwas Gleichwertiges, d.h. die volle Tagesration. Und zwar z.B. eine halbe Taubenbrust, die seinen Energiebedarf schnell deckt und leicht zu fressen ist.
„Eine enge Bindung zwischen Falkner und dem Vogel im Sinne von Freundschaft, wie wir Menschen sie verstehen, gibt es also nicht. Ein Teil der Bindung läuft über die Sicherheit der Versorgung, der zweite Teil über die Zusammenarbeit zwischen Vogel, Hund und Falkner“, stellt Manfred Bröhldick fest.Dann geht es in den Burghof, wo das Zufliegen zur Faust geübt wird. Die für den Kurs eingeteilten Vögel sind alle sehr erfahren und landen sicher auf der mit Futter bestückten Faust, und der Enthusiasmus der Teilnehmer steigt noch weiter.
„Schnupper“-Praxis
Am nächsten Tag steht ein Spaziergang mit Vogel auf der Faust auf dem Programm. Glück hat derjenige, der einen Jungvogel oder eines der leichteren Männchen tragen darf. Zwei Stunden lang auch nur einen 1 kg schweren Vogel ruhig durchs Gelände zu tragen ist schon eine mittelschwere sportliche Leistung.
Im örtlichen Stadtpark durften die Vögel dann frei fliegen und die „Hobby-Falkner“ übten das Zufliegen zur Faust, was für die unerfahrenen Kursteilnehmer teilweise eine echte körperliche Belastung war. Für die Greifvögel hingegen ist das ein Kinderspiel.
Hunde gehören dazu
Zur echten Beizjagd gehören Hunde. Einmal zum Aufstöbern des Wildes, dann möglicherweise auch zur Nachsuche. So wird die Gruppe immer von den Pointern Manfred Bröhldicks und manchmal auch von den munteren Jack Russels begleitet. Allein schon dieser Spaziergang mit Greifvögeln auf der Faust und von Hunden begleitet ist ein Erlebnis der besonderen Art.
Was bringt der Schnupperkurs?
Ein erstes Herantasten an die gesamte Materie unter fachlicher Anleitung und die Erfahrung, was es bedeutet, ein so kleines Tier mit doch unbändiger Kraft auf der Faust zu halten und – um es mit den Worten von Horst Stern auszudrücken – „ein unabhängiges Tier an sich zu fesseln, indem man ihm immer wieder die Freiheit gibt.“Auf die Frage, wie lange es denn dauert, bis man ein guter Falkner ist, lacht Manfred Bröhldick: „Einmal braucht man die Jägerprüfung und danach noch die Zusatzausbildung zum Falkner. Bis man dann ein guter Falkner wird... vielleicht achtundsiebzig Jahre. Man lernt ja täglich dazu.“
© Text und Bilder: Uta Overt












