Fotostory: Es gibt sie noch, die Arbeitspferde
Reinhold Berwanger beispielsweise hat welche. Er ist Polizist in Cochem an der Mosel und wohnt ein paar Orte weiter in Landkern. Aber er ist nicht bei der Berittenen Polizei, sondern er fährt mit seinen Pferden in der Freizeit. Im Sommer gehen sie vor dem Planwagen, im Winter „rücken“ sie Holz im Wald.
„Pferde müssen arbeiten, das hält sie gesund“. Das ist einer seiner Lieblingssätze. Und wer sich seine Pferde anschaut – auch seine alten, die nicht mehr zu arbeiten brauchen -, muss ihm zustimmen. Sie ziehen gewaltig an, wenn es los geht, traben fleißig auch längere Strecken durch und lassen im Wald nichts stehen.
Fast jedes Wochenende ist er mit Gästen im Planwagen unterwegs. Das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ muss ihm eigentlich schon zu den Ohren hinaus kommen – aber da es zu seiner gelben Plane passt, nimmt er es immer noch mit Humor, wenn die Gäste denken dass sie sich etwas ganz besonders Originelles ausgedacht hätten. Die Pferde sind so versiert, dass sie sich beim Anspannen gelegentlich schon von selbst vor die Kutsche stellen, und selbst ängstliche Städter fassen schnell Vertrauen zu den „gewaltigen Gäulen“, die Ruhe und Souveränität ausstrahlen.
Die beweisen sie nicht nur bei den wochenendlichen Planwagenfahrten, sie sind auch bekannt bei allen ländlichen Festzügen der Umgebung, denn „der Berwanger“ lässt es sich nicht nehmen, dem Publikum vorzuführen, wie stark und sicher seine Pferde sind. Da ziehen sie alte Kutschen oder Fuhrmannswagen durch schmale Gässchen oder zeigen auf dem historischen Lukasmarkt in Mayen, wie geschickt sie um Baumstämme herumtreten, wie sie sie vorwärts- und rückwärts und seitwärts bewegen können. Das ist sehenswert.
Im Winter dann arbeiten sie im Wald.
„Bis zu acht Stunden können sie arbeiten“, sagt Reinhold Berwanger nicht ohne Stolz. Sie ziehen schwere gefällte Stämme aus dem Unterholz. Dort, wo Traktoren den Waldboden zerstören würden. Und wenn die Stämme aufgeladen sind, ziehen sie die schweren Wagen nach Hause.
Sie arbeiten schwer, aber sie haben auch ein gutes Leben neben der Arbeit. Einen schönen hellen Stall, riesige Weiden und wirklich gutes Futter. Das Heu ist selbst gemacht, selbst gepresst, alles wird vom „Chef“ akribisch überwacht. Und auch am Kraftfutter wird nicht gespart – man sieht es den Pferden.
„Zwanzig Jahre hat meine älteste Stute gearbeitet, jetzt ist sie in Rente. Sie läuft nur manchmal noch am Planwagen mit. Oder wir nehmen sie mit in den Wald, da kann sie den anderen bei der Arbeit zuschauen. Solange es ihr gut geht, solange sie noch frisst und solange sie in der Herdenhierarchie nicht nach unten geht, soll sie leben. Das bin ich ihr nach all der Arbeit, die sie geleistet hat, schuldig.“, sagt er.
Ihre Kameradin Blacky ist mit fünfundzwanzig Jahren nur vier Jahre jünger, eine Norweger-Araber-Hannoveranerstute. „Steinhart“, sagt der Berwanger.
„Natürlich merke ich, das sie älter wird. Aber sie will immer noch, und dann soll sie. An langen Steigungen und so muss ich halt aufpassen, dass sie sich nicht verausgabt.“
Die beiden Nesthäkchen sind noch nicht mal zehn Jahre, Vollgeschwister und auch wieder eine erprobte Mischung: Noriker x Haflinger wie auch ihre um ein paar Jahre ältere Schwester.
„Mit diesen Mischungen habe ich die besten Erfahrungen gemacht“, sagt Reinhold Berwanger. „Sie sind futterleicht, arbeitswillig, klar im Kopf und stark. Gute Arbeitspferde.“
„Eins ist klar: Der Chef bin ich! Das mag Ihnen vielleicht schlimm klingen“, sagt er zu seinen Fahrgästen, die beim Anspannen um die Pferde herumstehen, „aber in der Arbeit müssen die Pferde funktionieren, ohne Wenn und Aber.“
Manch ein Gast schaut dann leicht indigniert.
Doch der Chef hat Recht. „Wenn die Pferde von klein auf gut angelernt werden, wenn sie ihre Grenzen kennen und akzeptieren, nur dann arbeiten sie sicher, und ich kann mich auf sie verlassen.“ Das hat nichts mit Drill zu tun, viel aber mit Konsequenz.
„Das macht es uns allen leichter“, sagt er. „Die Pferde merken auch, dass die Arbeit besser geht, wenn sie mitarbeiten. Sie sind ja nicht dumm.“
Und so herrscht bei ihm ein strenges Regiment. Leckerlis als Bestechung, als Belohnung oder übertriebene Streicheleinheiten, das gibt es bei ihm nicht. Doch die Pferde durchschauen ihren Chef, man sieht es an der Vertrautheit, mit der sie mit ihm umgehen. Der Ton scheint rau, aber gar so rau kann es nicht gemeint sein, sonst würden die Pferde anders reagieren.
Und auch die Menschen spüren es. Hinter dem rauen Ton ist oft der Stolz auf seine Pferde verborgen, blitzt ein Lächeln durch. Er würde es nicht gern hören, aber es ist so.
© Text und Fotos: Uta Over











