Zahnarztpraxis - Der Hund beim Spezialisten
Wenn der Hund zum Zahnarzt muss
Text und Fotos: Dr. Jochen Becker
Ein immer wieder auftretender Fall aus der Praxis: Ein Hund blutet plötzlich aus dem Maul nach einer Beißerei, nach dem Spiel mit einem anderen Hund, oder nach Apportierlektionen mit dem Holzapportierbock im jugendlichen Alter. Ursache für die Blutung ist meist ein abgebrochener Eckzahn oder ein abgebrochener Backenzahn. Gut wenn es so offensichtlich stattfindet, aber wie oft bemerkt man auch gar nichts. Erst der Tierarztbesuch zur Impfung, oder wegen einer anderen Erkrankung, bringt das Malheur ans Licht.
Erstaunlich ist dabei, wie wenig Schmerz ein Hund im Zusammenhang mit einer geöffneten Wurzelhöhle zeigt, wenn man vergleichend an die menschliche Pein denkt. Häufig zeigt sich der Schmerz nur durch eine einseitige Gebissnutzung, sichtbar am stärker einseitig auftretendem Zahnbelag, oder das nicht mehr trinken wollen von eiskaltem Wasser. Ein vermindertes Verlangen nach Kauknochen oder seltener das nicht mehr so sichere Apportieren bei der Jagd sind ebenfalls Hinweise.
Oft sind es gerade die jungen Hunde, die von diesen traumatischen Zahnfrakturen heimgesucht werden.
Wie man solchen Zahnfrakturen vorbeugen kann, oder was im Fall des Auftretens solcher Verletzungen zu tun ist, soll im Folgenden näher erläutert werden.
Zum besseren Verständnis erfolgt zunächst ein kleiner Exkurs in den Zahnwechsel und den Aufbau des einzelnen Zahnes.
Das Milchgebiss des Hundes hat im Ober- und Unterkiefer je 14 Zähne. Sechs Schneidezähne, 2 Eckzähne und sechs Vorderbackenzähne (Prämolare). Die eigentlichen Backenzähne (Molare) treten erst im bleibenden Gebiss auf. Der Zahnwechsel beginnt im 4. Lebensmonat und endet meist im 6. bis 7. Lebensmonat mit dem Wechsel der Eckzähne (Canini) und dem Durchbruch der P1 sowie der Molaren. Das bleibende Gebiss besteht dann aus 6 Schneidezähnen, 2 Canini, 8 Prämolaren jeweils im Ober- und Unterkiefer, 4 Molaren im Oberkiefer und 6 Molaren im Unterkiefer, insgesamt also aus 42 Zähnen.
Selten einmal sind einzelne Zähne, wie auf dem Bild links sichtbar, doppelt angelegt. Um bereits in der Zahnwechselphase Zahnungsprobleme erkennen und therapieren zu können, ist eine zeitnahe Kontrolle durch einen Tierarzt angezeigt.
Ein häufiges Problem beim Zahnwechsel ist das Auftreten des doppelten Caninus (Hakenzahn).Die Entfernung eines derart auftretenden doppelten Eckzahnes ist Sache des Tierarztes. Bei unsachgemäßer Manipulation könnten Wurzelreste im Kiefer verbleiben, die in den nachfolgenden Monaten Entzündungen verursachen. Auch ist die schnelle Entfernung des doppelten Eckzahnes angezeigt.
Die Folge eines nicht zeitnah entfernten doppelten Caninus ist meist eine Steilstellung und Wachstumsverkürzung des bleibenden Eckzahnes. Ein Einbeißen in den Gaumen im Oberkiefer, wie auf dem Bild sichtbar, durch den steilstehenden unteren Eckzahn ist dann der Ausgangspunkt einer beginnenden Entzündung. Im extremsten Fall kann sogar ein Durchtreten des Zahnes in die Nasenhöhle die Folge sein. Eine aufwendige Apparatur in Form einer Kunststoffplatte (Foto links) oder der Einbau einer Dehnschraube (Foto rechts) ist dann die einzig mögliche Korrekturtherapie.


Bei der schematischen Betrachtung des Zahnaufbaus erkennen wir von außen nach innen im Groben drei Strukturen: Den äußeren Zahnschmelz, den daran sich anschließenden Zement und die Wurzelhöhle oder auch Pulpa genannt. Beginnend mit dem 8. Lebensmonat, in dem die beiden äußeren Schichten noch hauchdünn sind, nimmt die Zementmasse mit zunehmendem Alter an Umfang zu, und die Pulpa wird dabei deutlich dünner. Der Zahn wird also stabiler, und die Frakturneigung nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Eine ausreichende Stabilität des Zahnes ist in etwa mit dem 24. Lebensmonat gegeben. Allein hieraus wird deutlich, dass das Verkanten eines harten Holzapportierbockes oder das Spiel mit einem harten Gegenstand, fatalste Folgen haben kann.
Die Verwendung von sogenannten Dummies in der Apportierausbildung, wie sie beispielsweise bei der Ausbildung der Retriever, seit eh und je Verwendung finden, ist aus tierzahnheilkundlicher Sicht dringend zu empfehlen. Bereits der Sprung mit dem Holzapportierbock über ein Hindernis, ob mit oder ohne Gewicht, kann durch den Schlag des Holzbockes gegen die Eckzähne, beim wieder auf den Boden aufsetzen, den Bruch derselben verursachen. Betrachtet man dagegen die weichen Dummies und den umschliessenden Griff durch das Gebiss der Hunde bei den unterschiedlich schweren Apportiergegenständen, wird deutlich, dass dabei die Gefahr einer Zahnfraktur minimal ist.
Was aber tun, wenn doch einmal das Missgeschick passiert ist, und ein Zahn ist frakturiert?
In jedem Fall keine Zeit verlieren und einen tierzahnheilkundlich versierten Tierarzt aufsuchen. Dieser wird dann in sachgerechter Weise, ähnlich der Behandlung beim Menschen, den Zahn und die zugehörige Wurzel versorgen. Somit können Spätfolgen wie Ausfall des Zahnes, oder im schlimmsten Fall Kieferbrüche durch stark vereiterte Wurzelspitzen, verhindert werden. Die Therapie durch einen Humanzahnarzt ist in keinem Fall anzuraten, da zum einen die Wurzellängen beim Hund mit denen des Menschen nicht vergleichbar sind, und zum anderen die auftretenden Druck- und Scherkräfte der einzelnen Zähne deutlich größer sind als beim Menschen. Aufbauten einzelner Zähne beim Hund bedürfen eines weitaus höheren Aufwandes als beim Menschen. Alleinige Kunststoffaufbauten, wie sie in der menschlichen Zahnheilkunde heute üblich sind, würden nicht einmal einer geringen Belastung, wie dem Apport eines Kaninchens genügen. Auf Tierzahnheilkunde spezialisierte Tierärzte erfragen Sie bitte bei den zuständigen Behörden (Tierärztekammern) der jeweiligen Länder.
Kurz gefasst:
Der Zahnwechsel des Jundhundes zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat des Welpens gehört dringend in die fachliche Aufsicht des Tierarztes. Eine gute Unterstützung des zeitgerechten Zahnwechsels stellt dabei die Verwendung von geeignetem Kaumaterial sowie das Spiel mit kommerziell erhältlichen Zahntauen dar. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Hundezähne ist ein frühzeitiges Apportieren von harten Gegenständen nicht vor dem Erreichen des 2. Lebensjahres zu empfehlen. Der Besuch eines Tierarztes bei allen Zahnproblemen sollte eine absolute Selbstverständlichkeit für jeden Hundeführer sein.
Dr. Jochen Becker
Schulstr. 11,
21395 Tespe
Kleintierpraxis Tespe
Zusatzbezeichnung Zahnheilkunde bei Tieren
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